Programm

PROGRAMM
SAMSTAG
18.05.2013
11:00 Uhr

Einführung

12:00 - 14:00 Uhr

Auswirkungen von Rassismuserfahrungen auf die Gesundheit
Astride Velho

Soziale Determinanten von Gesundheit
Ove Spreckelsen

Kritik der politischen Ökonomie des Gesundheitswesens
Nadja Rakowitz

Care Work und Reproduktion
Anna Köster-Eiserfunke, Anh-Thy Nguyen
Veranstaltungsort:
Ganztagsschule St. Pauli
Bernhard-Nocht-Str. 12
16:00 - 18:00 Uhr

Recht auf Stadt meets Gesundheit
Vernetzung/Hamburg

Lying in bed with bureaucracy
Medibüros berichten

Gesundheitsbegriff im Wandel
Regina Brunnett

Poliklinik in the making...
Ideenworkshop

Voll krank !?
Ute Meyer (15:30 - 18:00 Uhr)

Film Raum


19:30 Uhr

Die Krise und wir - ein Gespräch


ab 22:00 Uhr

Medibüro Party
im Gängeviertel

Auftaktveranstaltung Freitag Abend 20:00 Uhr
Das Medibüro Hamburg im Podiumsinterview zu Geschichte, Entwicklung und Konflikten:

Welche medizinische Versorgung brauchen und wollen wir?
Was ist gesellschaflich verhandelbar, was darf verhandelbar sein, was soll verhandelbar sein?
Medibüros als Keimzelle für die Idee anderer Gesundheitssysteme und medizinischer Versorgungswege?
Vom national-sozialen Reparaturbetrieb zur post-nationalen Poliklinik? Von Geheimorganisation zu Bundesverdienstkreuz?
Barmherzigkeit oder Widerstand?
Hilfe oder Profilneurose?


Auswirkungen von Rassismuserfahrungen auf die Gesundheit
Unterscheidungen nach dem Kriterium ethnische Gruppe oder Nationalität gehören in unterschiedlichsten gesellschaftlichen Bereichen zu unserem alltäglichen Repertoire. Sie definieren wer dazu oder nicht dazu gehört und auch, wer in welcher Situation, welche Rechte in Anspruch nehmen kann oder nicht. Die Auswirkungen rassistischer Diskriminierungen und Exklusion werden einerseits als belastend und potentiell krankmachend, andererseits aber auch als Wirkfaktor auf Subjektbildungsprozesse beschrieben. Von der Referentin wird beleuchtet welche Auswirkungen derlei Erfahrungen auf Gesundheit und Subjektivität haben können. Ebenso, wie Veränderungen im Sinne einer reflexiven Praxis gegen Rassismus genau aus der Perspektive, die uns alle als Teil der Normalität begreift, möglich sind.

Astride Velho, Erzieherin und Diplom Psychologin, hat in München im Flüchtlings- und Migrationsbereich gearbeitet. Sie promoviert zu den Auswirkungen von Rassismuserfahrungen auf Subjektivität und seelische Gesundheit und den Implikationen für psychosoziale Praxis.



Krank = selbst Schuld?!
Soziale Determinanten von Gesundheit
Immer häufiger wird in Debatten über den gesellschaftlichen Umgang mit Gesundheit und Krankheit auf das "individuelle Gesundheitsverhalten" verwiesen: Nicht die gesellschaftlichen Verhältnisse, sondern das richtige Verhalten wird in den Vordergrund gestellt. Wenn Du Sport machst, ausgewogen isst, regelmäßig zur Vorsorgeuntersuchung gehst und das Ganze natürlich ohne Zigaretten schaffst, bist Du zumindest auf der guten Seite und nicht selbst schuld an Deiner Krankheit. Dabei gehört es gleichzeitig zum Allgemeinwissen, dass Armut, schlechte Arbeitsbedingungen und gesellschaftliche Ausgrenzungsmechanismen krank machen und die Lebenserwartung mit steigendem Einkommen in die Höhe geht. Sogar die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sieht in der Verringerung sozialer Ungleichheit eine der wichtigsten Aufgaben für die Verbesserung der Gesundheit von Bevölkerungen.
Was ist da los? Wir wollen in diesem Workshop in das Konzept der sozialen Determinanten von Gesundheit einführen und mit Euch darüber diskutieren, wie Fragen nach den gesellschaftlichen Bedingungen von Gesundheit wieder ins Zentrum der Debatte geholt werden können.

Ove Spreckelsen ist Arzt und promoviert zum Thema gesundheitliche Ungleichheit



Kritik der politischen Ökonomie des Gesundheitswesens
Der keynesianisch-korporatistische Sozialstaat, der die gesellschaftlichen Existenzmöglichkeiten im Wesentlichen an das Lohnarbeitsverhältnis gebunden hat, befindet sich in der Krise. Gleichzeitig zeigt eine zunehmende Ökonomisierung des deutschen Gesundheitssystems, dass im bisher stark staatlich kontrollierten Gesundheitswesen auch Mehrwert produziert werden kann. Ziel des Workshops ist es einen Überblick zu den aktuellen Entwicklungen im Gesundheitswesen zu geben und in wesentliche Grundbegriffe einer Kritik dieser Entwicklungen einzuführen.

Nadja Rakowitz, arbeitet als Geschäftsleitung des VDÄÄ und in der Redaktion des express - Zeitung für sozialistische Betriebs- und Gewerkschaftsarbeit. Sie ist außerdem Mitglied der Marx-Gesellschaft.



Care Work und Reproduktion
Perspektiven auf Arbeits- und Geschlechterverhältnisse, auf Migration und die Frage der Organisierung

In diesem Workshop wollen wir den Raum öffnen, um verschiedenen Perspektiven auf Care-Work und Reproduktionsarbeiten nachzugehen und sie gemeinsam zu diskutieren. Care-Work beinhaltet alle pflegenden, betreuenden und sorgenden Tätigkeiten am Menschen und/oder seinem unmittelbaren Lebensumfeld. Aktuell ist die gesellschaftliche Organisation von Care-Work und Reproduktionsaufgaben in Bewegung und durchaus umkämpft. Sie ist gekennzeichnet von einer vergeschlechtlichten, aber auch rassifizierten gesellschaftlichen Arbeitsteilung und häufig nur unter Einbeziehung einer globalen Perspektive zu begreifen. Care-Work umfasst demnach vielfältige Lebens- und Arbeitsrealitäten, welche von der unbezahlten Hausarbeit durch überwiegend Frauen, über die rund-um-die-Uhr-Betreuung pflegebedürftiger Menschen im Privathaushalt durch (migrantische) Hausangestellte, bis zu ökonomisierten und minutengetackteten Arbeitsplätzen in Krankenhäusern, Wohngruppen und Pflegeheimen reichen.

Wir werden zunächst ein kleines Input-Referat zu Care-Work und Reproduktionsarbeiten halten. Im Anschluss möchten wir den Schwerpunkt aber auf einen gemeinsamen Erfahrungsaustausch legen. Wie sind wir selbst in Care Prozesse eingebunden, vor welchen Schwierigkeiten stehen wir in unseren Arbeitskämpfen und wie können wir selbst einmal im Bedarfsfall versorgt werden? Anschließend wollen wir uns gemeinsam verschiedene „Lösunsgmöglichkeiten“, Arbeitskämpfe und Organisierungen im Bereich Care Work anschauen und diskutieren.

Anna Köster-Eiserfunke (Politikwissenschaftlerin und Care-Workerin aus Hamburg), Anh-Thy Nguyen (Care-Workerin aus Hamburg)


Recht auf Stadt meets Gesundheit
In dem Workshop Recht auf Stadt meets Gesundheit soll es um eine Gesundheitspolitik aus Recht auf Stadt Perspektive gehen. Aufbauend auf dem Konzept der sozialen Determinanten von Gesundheit wollen wir gemeinsam erarbeiten, wie sich die Kämpfe um Gesundheit und Recht auf Stadt verbinden lassen, bzw. auch schon mit einander verbunden sind. Recht auf Stadt verstehen wir dabei als elementaren Bestandteil einer präventiven Gesundheitspolitik. Es geht uns im Workshop aber auch um medizinsche Gesundheitsversorgung und konkrete Handlungsansätze, die sich auf der lokalen Ebene bewegen.

Als kurzen Input wird Sabine Tengler von der Geschäftstelle Gesundheitsförderung Lurup von ihrer Arbeit berichten und Simone Borgstede, Anwohnerin der Hafenstrasse, von den Kämpfen für den Erhalt des ehemaligen Hafenkrankenhauses.



Lying in bed with bureaucracy
Wenn politische Arbeit unter den gegenwärtigen Bedingungen die Revolution im Auge hat, sind viele Sachen einfach: Die Forderungen sind klar, das Ziel auch; gut, der Weg ist eben sehr lang und mühsam. Sobald wir aber das Feld der Realpolitik betreten, wird die ganze Sache komplizierter: Wie ticken denn solche Kolosse wie Behörden und Parteien? Wieviel Kompromiss geht, ohne das eigene Anliegen zu verraten? Wann beginnt Vereinnahmung und was hat das Ergebnis am Ende noch mit den anfänglichen Forderungen zu tun? Besser gar nicht erst verhandeln, sich nicht die Hände schmutzig machen?

Als Medibüro Hamburg haben wir uns vor einiger Zeit getraut und sind mit dem Plan „Medibüro abschaffen, Gesundheitsversorgung für alle - aber staatlich organisiert“ ins kalte Wasser gesprungen. Und jetzt? Mittlerweile gibt es in Hamburg eine „Clearingstelle“ und das Medibüro hat mehr PatientInnen als je zuvor...

Anhand „unseres Falls“ und anderen Erfahrungen wollen wir mit Euch über die Möglichkeiten, Erkenntnisse und Fallstricke im intimen Kontakt mit der Realpolitik diskutieren. Auf welche Wege müssen wir uns begeben, um unsere Forderungen durchzusetzen, und wie weit gehen wir dabei? 


Gesundheitsbegriff im Wandel
Seit den 1980er Jahren hat sich Gesundheit zu einem der höchsten individuellen Werte und als treibende ökonomische und soziale Kraft entwickelt."
Was hat dies mit gesellschaftlichem Wandel zu tun? Worin besteht der Zusammenhang zwischen der zunehmenden sozialen Kälte, der Ökonomisierung von Gesellschaft, sozialer Ungleichheit und der Gesundheitskultur? Wie kann eine Gesundheitskultur aussehen, die "nicht in einer Konsumkultur aufgeht" und Gesundheitsprobleme individualisiert?

Diese und weitere Fragen werden in dem Workshop entfaltet und diskutiert. Dabei werden wir uns mit Bildern und Beispielen aus der Werbung befassen.

Regina Brunnett, Diplom-Soziologin und examinierte Krankenschwester, Vertretungsprofessorin im Fachbereich Gesundheit und Pflege an der HFH.


Poliklinik in the making...
Wie stellt ihr euch ein sozialmedizinisches Stadtteilzentrum vor? In diesem Workshop wollen wir Modelle einer möglichen Poliklinik fabrizieren.


Voll krank !?
Was ist das Krankmachende an prekären Arbeitsverhältnissen? Welche Geschichten kollektiver Lösungsversuche gibt es? Welche Metaphern verbinden wir mit bestimmten Krankheiten? Gilt es, diese abzuschaffen oder Gegenbilder zu entwickeln?
Wie viel Leistung verlange ich von mir und anderen für meine Projekte und was ist eigentlich aus dem alten „Recht auf Faulheit“ geworden?
Was mache ich, wenn ich in einer kleinen Klitsche arbeite, die meinen Freunden gehört (die fast Pleite sind) und ich dann auch noch krank werde? Was mache ich, wenn ich in dieser Klitsche arbeite, der Freund (der mein Arbeitskollege ist) plötzlich krank wird und ich keine Zeit habe, mich zu kümmern?

Drei Stunden Zeit, ein Thema zu bearbeiten, über das man meistens keine Lust hat zu sprechen.

Ute Meyer, Buchhändlerin, Linguistin und Aktivistin, arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Hamburg und für das Euromayday-Netzwerk.



Die Krise und wir - ein Gespräch
Die Krise in Europa dehnt sich aus. In immer mehr Ländern des europäischen Südens werden drastische Einschnitte der sozialen Rechte vorgenommen, um das neoliberale Projekt zu retten. Aber auch die Kämpfe nehmen an Intensität zu.

Ein Beispiel für die Organisierung von unten sind die Gesundheitszentren in Griechenland: da immer mehr Leute ihre Krankenversicherung nicht mehr bezahlen können, steigt die Zahl derjenigen, die auf andere Zugänge zu medizinischer Versorgung angewiesen sind. Die Medibüros in Deutschland richten sich mehrheitlich an Menschen ohne gesicherten Aufenthaltsstatus, weil ihnen ihre sozialen Rechte vorenthalten werden. Was bedeutet die Krise nun für unsere Praxis? Kommen mehr Leute aus Griechenland, Spanien, Portugal in die Beratungen? Wir vom Medibüro Hamburg haben immer gefordert, Parallelstrukturen abzubauen und für alle Menschen den Zugang zur Regelversorgung der gesetzlichen Krankenversicherungen und damit zum Arbeitsmarkt zu öffnen. Jedoch scheinen im Zuge der aktuellen Entwicklungen immer mehr Menschen ihre sozialen Rechte entzogen zu werden und unsere Unterstützung in Anspruch zu nehmen. Was bedeutet das für uns? Ausbauen statt abbauen?

Über diese Themen diskutieren in lockerer Runde:
Frank John
Nadja Rakowitz
Vassilis Tsianos
Medibüro Hamburg



Film Raum

Race - the power of an illusion, 3 x 56 Minuten, 2003

Unnatural Causes - is inequality making us sick?, 231 Minuten, 2008

Weißes Städtchen - Film über den Kampf der Krankenschwestern in Polen, 37 Minuten, 2007

Deutschland - Schwarz - Weiß, Noah Sow, Hörbuch 2008

Haus Halt Hilfe - Ein Film von Petra Valentin


Medibüro Party

Nach dem Kongresstag machen wir, was wir am besten können: Feierabend! Und zwar im wörtlichen Sinne! Mit euch und allen Sympatisantinnen wollen wir im Gängeviertel die Hüftegelenke in Schwung bringen und uns einen schönen Abend machen. Ab 22:00 Uhr im Gängeviertel, Valentinskamp 34.